Viertelfinalspiele: Die Favoriten marschieren – doch dann der Tischtennis-Wahnsinn
Bei den Damen war die Sache schnell klar: Totale Dominanz der Gesetzten. Bis auf Mariia Bodnarz, die Luisa Düchting immerhin einen Satz abluchste, gab es für die Außenseiterinnen nichts zu holen. Die Top-Favoritinnen Kalaitzidou, Sillus, Schönau und letzten Endes auch Düchting fegten ihre Gegnerinnen jeweils mit glatten Siegen vom Tisch – eine echte Machtdemonstration.

Eireen Kalitzidou (Foto: Jörg Fuhrmann)
Auch bei den Herren lief zunächst alles nach Plan: Bottroff, Fadeev und Servaty ließen nichts anbrennen und gewannen ihre Spiele gegen Stefanidis, Kohne und Hersel im Eiltempo mit jeweils 4:0. Doch dann folgte das Spiel des Tages. Der topgesetzte Abwehr-Spezialist Florian Bluhm (TTR 2412) traf auf einen entfesselt aufspielenden Lukas Bosbach (TTR 2260). Bosbach spielte sich phasenweise in Ekstase. Er ignorierte die Favoritenrolle des Kölner Zweitligaspielers komplett und nagelte Bluhm mit ganzen Serien von hammerharten Topspins regelrecht an der Bande fest. Bluhm, nach Ruwen Filus die Nummer 2 der deutschen Abwehrkünstler, hielt mit allem dagegen, was er hatte. Doch Bosbach explodierte förmlich: Nach gewonnenem ersten Satz drehte er einen 7:10-Rückstand im zweiten Satz in ein 12:10 und erhöhte den Druck auf den Favoriten. Spektakuläre Ballwechsel rissen die Zuschauer von den Sitzen. Bosbach hämmerte, Bluhm fischte die unmöglichsten Bälle. Aber das schien nicht zu reichen. Nach 6:11, 10:12, 11:7, 10:12 lag er 1:3 zurück und alles sprach für Bosbach. Doch Stephan Schulte-Kellinghaus (WTTV-Cheftrainer) hatte schon vorher gewarnt: „Es ist immer dasselbe. Du kriegst nichts geschenkt gegen diesen Kerl. Der fightet jeden Ball.“ Und das sollte sich bewahrheiten. Bluhm stahl den fünften Satz nach einem hauchdünnen Kantenball mit 11:7 und holte auch den sechsten mit 12:10. Der Widerstand des Außenseiters schien gebrochen. Weit gefehlt! Im alles entscheidenden siebten Durchgang wogte das Geschehen hin und her. Nach einer taktisch klugen Auszeit beim Stande von 4:5 lag Bosbach auf einmal 9:6 vorn. Die Sensation war zum Greifen nah. Doch Florian Bluhm untermauerte seinen Ruf als Kämpferherz. Punkt um Punkt robbte er sich heran, bis er bei 10:9 seinen ersten Matchball verbuchte. Was dann folgte, war nichts für schwache Nerven: Bosbach wehrte insgesamt vier Matchbälle ab, die Halle kochte. Erst beim Stand von 13:12 verließ Bosbach das Glück. Bluhm verwandelte zum 14:12 und kommentierte im Anschluss sehr offen; „Beim Stand von 6:9 habe ich nicht mehr an den Sieg geglaubt. Ich habe einfach mal aus Frust einen Ball gegengezogen, der kam dann und Lukas hat danach einen leichten Ball weggeschlagen. Dann war ich wieder dran. Ein glücklicher Sieg.“ Auch bei Lukas Bosbach überwog die Freude über ein begeisterndes Spiel: „Es war ein geiles Spiel. Ich bin zufrieden, aber natürlich hätte ich lieber gewonnen.“ Nach 78 Minuten purem Wahnsinn fand das wohl spektakulärste Spiel der letzten Jahre seinen Sieger, obwohl es eigentlich zwei Gewinner verdient gehabt hätte.

Florian Bluhm (Foto: Jörg Fuhrmann)

Lukas Bosbach (Foto: Jörg Fuhrmann)
Wer sich das Spiel noch einmal online ansehen möchte, kann dies auf dem YouTube-Kanal des WTTV in voller Länge genießen: https://www.youtube.com/watch?v=V-6ORayLDyU&t=1502s
Halbfinalspiele: Außenseiterin Düchting stürzt die Favoritin
Und dann geschah es: Das sicher geglaubte Favoriten-Szenario löste sich in Luft auf. Im Damen-Halbfinale kam es zum emotionalen Duell zweier Freundinnen und Mannschaftskameradinnen des TuS Uentrop. Auf der einen Seite stand die deutsche Jugendnationalspielerin Eireen Kalaitzidou – die klare Favoritin. Ihr gegenüber Luisa Düchting, die heute über sich hinauswachsen sollte. Denn wie so oft hatte das Duell unter Mannschaftskameradinnen eigene Gesetze. Kalaitzidou wirkte gehemmt, fand nie ihren Rhythmus, während Düchting ihr bestes Tischtennis zeigte. Es entwickelte sich ein nervenaufreibendes Kopf-an-Kopf-Rennen, das erst im alles entscheidenden siebten Satz entschieden wurde. Dort behielt Düchting die Nerven und stürmte mit einem deutlichen 11:6 sensationell ins Finale!

Luisa Düchting (Foto: Jörg Fuhrmann)
Doch damit nicht genug: Auch im zweiten Halbfinale wackelte die Hierarchie. Titelverteidigerin Hannah Schönau demonstrierte pure Routine und ließ Nadine Sillus nicht den Hauch einer Chance. Während Sillus einen schwarzen Tag erwischte und „praktisch keinen Ball“ traf, zog Schönau mit einem souveränen 4:1-Sieg erneut ins Endspiel ein.

Hannah Schönau (Foto: Jörg Fuhrmann)
Bei den Herren lautete die große Frage: Hat Florian Bluhm nach seinem epischen Viertelfinal-Match überhaupt noch Kraft? Die Antwort war eindeutig. Mit einer unfassbaren physischen Präsenz fegte er Kirill Fadeev mit 4:1 von der Platte. Im Finale kam es zum erhofften Showdown gegen die Nummer 2 der Setzliste: Erik Bottroff, der Michael Servaty ebenfalls sehr souverän mit 4:1 in die Schranken wies.

Kirill Fadeev (Foto: Jörg Fuhrmann)

Nadine Sillus (Foto: Jörg Fuhrmann)
Finalspiele: Düchting doppelte Meisterin, Bluhm sichert sich den Einzeltitel
Während im Herren-Doppel die Entscheidung lange offenblieb, sicherte sich Überraschungs-Finalistin Luisa Düchting den Titel im Damen-Einzel mit einem klaren 4:0 gegen die Titelverteidigerin Hannah Schönau. Letzteres hätte man in dieser Deutlichkeit nicht erwartet. Doch gegen Luisa Düchting war an diesem Tag kein Kraut gewachsen. Während es am Vortag noch hier und da bei ihr gehakt hatte, gelang es ihr am Finaltag, sich von Spiel zu Spiel zu steigern. Mit einer beeindruckenden Souveränität und einem fast schon unheimlich sicheren Block- und Konterspiel diktierte sie das Geschehen. Schönau fand kein Mittel dagegen und unterlag deutlich mit 4:0 (11:7, 11:8, 13:11, 11:6). Das war ein neuer Meilenstein in der noch jungen Karriere von Düchting. Schulte-Kellinghaus kommentierte das Geschehene: „Luisa ist im vergangenen Jahr gar nicht so viel besser geworden. Aber ihre Spielanlage ist reifer und abgeklärter. Vielleicht hat ihr das gerade begonnene Studium etwas den Druck genommen, sodass sie entspannter in die Spiele geht als früher.“

Luisa Düchtin (Foto: Jörg Fuhrmann)

Hannah Schönau und Luisa Düchting (Foto: Jörg Fuhrmann)
Im Herren-Doppel machten Hersel/Walter den an Nr. 1 gesetzten Bottroff/Fadeev das Leben schwer. Der fünfte Satz musste die Entscheidung bringen. Hier spielten Bottroff und Fadeev schließlich ihre ganze Routine aus und machten mit einem 11:7 den Sack zu. Ein hart erkämpfter Titel für die Favoriten.

Fadeev/Bottroff (Foto: Jörg Fuhrmann)
Die beiden letzten Entscheidungen standen bevor. Im Damen-Doppel trafen die Jungs-Stars Düchting/Kalaitzidou auf die Routiniers Sewöster/Sillus. Und letztere kamen nie so richtig ins Spiel. Beim Stande von 0:2 gelang es ihnen zwar, einen Satz für sich zu entscheiden, doch dabei blieb es. Mit einem sicheren 11:7 im vierten Satz beendeten Düchting/Kalaitzidou das Spiel und sicherten sich den Titel. Für Lusia war es der zweite an diesem Tag. „Damit habe ich auch in meinen kühnsten Träumen nicht gerechnet. Aber heute hat einfach alles gepasst. Eireen war nicht so gut wie sonst und ich habe das nutzen können. Ich bin superglücklich.“

Düchtin/Kalaitzidou (Foto: Jörg Fuhrmann)
Das Herren-Einzel sollte die Krönung der Veranstaltung werden. Immerhin trafen die beiden Top-Gesetzten Bluhm und Bottroff aufeinander. Ein klarer Favorit war nicht erkennbar. Doch das Spiel konnte die Erwartungen nicht ganz erfüllen. Zu überlegen spielte Bluhm, dem man immer noch nicht die Strapazen der beiden Turniertage ansehen konnte. Anders war es bei Bottroff, der die in den vorherigen Spielen gezeigte Überlegenheit nicht bestätigen konnte. Selbst deutliche Satzführungen brachte er nicht nach Hause und unterlag deutlich mit 0:4 (2:11, 8:11, 9:1, 7:11). Nach dem Spiel stellte er dennoch entspannt fest: „Heute hatte ich keine Chance gegen Florian. Heute war ich ein Freilos. Es wäre für mich besser gewesen, wenn er gegen Lukas im Viertelfinale ausgeschieden wäre.“

Erik Bottroff (Foto: Jörg Fuhrmann)

Florian Bluhm (Foto: Jörg Fuhrmann)
Auch wenn die Finalspiele im Einzel nicht so spannend waren wie erhofft, haben die 78. Westdeutschen Meisterschaften die Erwartungen vollauf erfüllt. Die Zuschauer waren begeistert, die Organisation klappte ohne Probleme und so konnte der Chef-Organisator des ausrichtenden TTV Waltrop 99 Jens Korte ein überaus positives Fazit ziehen: „Wir sind zufrieden. Es ist alles gut gelaufen. Wir hatten insgesamt mehr als 400 Zuschauer, von denen ca. 200 zahlende Zuschauer waren. Wir hatten 50-60 Helfer, die uns unterstützt haben. Ich gehe davon aus, dass wir auch in Zukunft derartige Veranstaltungen werden durchführen können. Wir haben auch Einnahmen erzielt, die wir in unsere Jugend und in das Vereinsleben stecken werden. Für einen Spitzenspieler werden wir allerdings kein Geld ausgeben.“

Luisa Düchting (Foto: Jörg Fuhrmann)
Für die Deutschen Meisterschaften in Erfurt haben sich die Finalisten sicher qualifiziert (Damen: Düchting, Schönau, Herren: Bluhm, Bottroff). Daneben dürften auch die Halbfinalisten gute Chancen auf eine Teilnahme haben, da dem WTTV zusätzlich sogenannte Verfügungsplätze zustehen. Wahrscheinlich kann aber auch Lukas Bosbach als TTR-bester unterlegener Viertelfinalist mit nach Erfurt fahren.