War Chemnitz eine Reise wert?
Nachlese zu den 88. Nationalen Deutschen Tischtennis-Meisterschaften

Nun liegen sie schon wieder eine Woche zurück – die 88. Nationalen Deutschen Tischtennismeisterschaften. Die Tränen der Enttäuschung sind getrocknet, die Auswirkungen der Siegesfeiern abgeklungen, der TT-Alltag ist wieder eingekehrt. Es ist also an der Zeit ein vorsichtiges Fazit dieser Meisterschaften zu ziehen. Was hat geklappt? Was ist schief gegangen? Lassen sich Schlüsse für die Zukunft ziehen? Und insbesondere  – War der WTTV erfolgreich oder war er es nicht?

Die nüchternen Zahlen lassen auf ein erfolgreiches Wochenende aus Sicht des WTTV schließen. Das Finale im Herren-Einzel machten mit Ricardo Walther (Borussia Düsseldorf) und Benedikt Duda (TTC Schwalbe Bergneustadt) zwei Vertreter des WTTV unter sich aus. Im Damen Einzel kamen Nadine Bollmeier und Yuki Tsutsui (beide TuS Bad Driburg) in´s Viertelfinale. In den Doppeln der Damen, der Herren und dem Mixed war der WTTV an sieben Medaillen (zumindest) beteiligt. Benedikt Duda verteidigte seinen Doppeltitel an der Seite von Dang Qiu (ASV Grünwettersbach). Ricardo Walther wurde mit Kilian Ort (TSV Bad Königshofen) Zweiter. Gianluca Walther (mit Tobias Hippler vom TuS Celle) und Erik Bottroff (mit Alexander Flemming vom TV 1879 Hilpoltstein) erreichten das Halbfinale. Den zweiten Platz im Mixed holte mit Nadine Bollmeier und Erik Bottroff (BV Borussia Dortmund) eine reine WTTV-Paarung. Hinzu kamen eine ganze Reihe fünfter Plätze.

 

Bollmeier/Bottroff – Mixed 2. Platz

 

Herren Doppel

 

Herren Einzel

 

Damen Doppel

 

Damit war der WTTV – wie eigentlich jedes Jahr – einer der erfolgreichsten Landesverbände, wenn nicht sogar der erfolgreichste. Doch seien wir ehrlich, der Erfolg eines Landesverbandes lässt sich nicht allein an der Anzahl der Medaillen ablesen. Die Medaillenausbeute hängt ganz wesentlich davon ab, wie viele und wie gute Bundesligavereine dort angesiedelt sind. Mit Borussia Düsseldorf, TTC Schwalbe Bergneustadt und TTC indeland Jülich liegen bei den Herren drei Vereine und mit TuS Bad Driburg und TTK Anröchte bei den Damen zwei Vereine in Nordrhein-Westfalen. Da sind Titel und Platzierungen eigentlich zu erwarten. Wäre der „Düsseldorfer“ Timo Boll angetreten, die Erfolgsbilanz hätte sicherlich noch besser ausgesehen.

 

   

 

Man muss also etwas genauer hinschauen, um festzustellen, ob die Arbeit in den Landesverbänden erfolgreich war. Aussagekräftig ist sicherlich, wie sich die jungen Talente, die aus den Landes-Leistungszentren kommen, geschlagen haben. Bei den Herren schickte der WTTV den 18-jährigen Kirill Fadeev (BV Borussia Dortmund) und Gerrit Engemann (20 Jahre, GW Bad Hamm) in´s Rennen. Fadeev traf bereits in der ersten Runde auf den topgesetzten Patrick Franziska. Nach zwei klaren ersten Sätzen, die er mit jeweils 3:11 abgab, fand er immer besser in sein Spiel. Ihm gelang es Franziska zumindest phasenweise Paroli zu bieten und dem Weltranglisten-14. sogar einen Satz abzunehmen. Engemann besiegte in der ersten Runde den aktuellen deutschen Schüler-Meister Mike Hollo (SV 1963 Riedering) sicher mit 4:2 und scheiterte im Achtelfinale erst nach großem Kampf mit 2:4 am späteren Vizemeister Benedikt Duda. Im Doppel kam er an der Seite seines Mannschaftskollegen Hermann Mühlbach bis in das Viertelfinale.

 

 

Bei den Damen brachte der WTTV Leonie Berger (16 Jahre, Borussia Düsseldorf) und Yuki Tsutsui (19 Jahre, TuS Bad Driburg) an den Start. Während Tsutsui zu Saisonbeginn vom Zweitligisten NSU Neckarsulm in die 1. Bundesliga nach TuS Bad Driburg wechselte, ist Berger ein echtes Eigenwertgewächs des WTTV. Seit vielen Jahren trainiert sie im Leistungszentrum in Düsseldorf. Im Jahr 2018 wurde sie Deutsche Schülermeisterin. Tsutsui war bereits im vergangenen Jahr bis in das Viertelfinale vorgedrungen. Dieses Kunststück gelang ihr erneut. Nach zwei recht sicheren Siegen traf sie auf Nina Mittelham (ttc berlin eastside). Gegen die Titelverteidigerin spielte sie gut mit und konnte sogar einen Satz für sich entscheiden. Letzten Endes unterlag sie mit 1:4. Im Doppel erreichte Tsutsui sogar das Halbfinale. Berger traf bereits in der ersten Runde auf die langjährige Bundesligaspielerin Katharina Mühlbach. Es gelang ihr nicht, den Spielfluss ihrer unorthodox spielenden Gegnerinnen entscheidend zu stören. So schied sie mit 0:4 bereits in der ersten Runde aus. Im Doppel erreichte Berger dagegen die Runde der letzten acht. Gegen die späteren Finalistinnen Göbel/Krämer (TV Busenbach) unterlag sie an der Seite von Chantal Mantz (TTG Bingen/Münster-Sarmsheim) mit 0:3.

Auch wenn den jungen Spielerinnen und Spielern der ganz große Durchbruch noch nicht gelungen ist. Festzuhalten bleibt, dass sie sich in einem stark besetzten Teilnehmerfeld sehr gut aus der Affäre gezogen haben und nachweisen konnten, dass von ihnen in den nächsten Jahren auch vordere Platzierungen erwartet werden können.

Doch auch die Routiniers haben bei weitem nicht enttäuscht. Erik Bottroff (BV Borussia Dortmund) scheiterte im Achtelfinale ganz knapp mit 3:4 an Julian Mohr. Dennis Klein unterlag in der gleichen Runde ebenfalls mit 3:4 dem späteren Meister Ricardo Walther. Es fehlte nicht viel, dann hätte Walther das Nachsehen gehabt. Bei den Damen kam Nadine Bollmeier in das Viertelfinale. Dort musste sie der Nationalspielerin Sabine Winter nach 1:4 Sätzen zum Sieg gratulieren.

Die Doppel zählten in diesem Jahr zu den besonderen Stärken der WTTV-Stars. Dritte Plätze holten Nadine Bollmeier, Yuki Tsutsui, Erik Bottroff und Gianluca Walther. Das Viertelfinale erreichten Leonie Berger, Hermann Mühlbach, Gerrit Engemann und Dennis Klein. Duda und Walther gelangten mit ihren Partnern in das Finale. Mit ein klein wenig Glück wären auch die Mixed-Sieger aus Nordrhein-Westfalen gekommen. Im Finale gingen Bollmeier/Bottroff gegen die junge Paarung Kämmerer/Hohmeier (TSV 1909 Langstadt und TTC OE Bad Homburg 1987) mit 2:0 in Führung und sahen wie die sicheren Sieger aus. Doch dann drehte sich zur Überraschung aller Zuschauer das Spiel. Nichts lief mehr bei den Favoriten und das Finale ging noch mit 2:3 verloren.

Fasst man zusammen, war Chemnitz tatsächlich die Reise wert. Letzten Endes waren es für den WTTV auch bei genauerer Betrachtung gute, wenn nicht sogar sehr gute Deutsche Meisterschaften. Die Arbeit im Leistungszentrum und den Stützpunkten sowie in den Vereinen hat sich ausgezahlt. Und um die Zukunft braucht man sich keine Sorgen zu machen.